
Das Thema ist für mich auch persönlich näher gerückt und hat mich dazu gebracht, manches noch einmal mit anderen Augen zu betrachten.
Dahinter steckt zunächst ein einfacher Gedanke: Wir Menschen ticken unterschiedlich – und das gilt auch für unsere Gehirne. Wir nehmen unterschiedlich wahr, verarbeiten Informationen unterschiedlich und brauchen nicht alle dieselben Bedingungen, um uns wohlzufühlen und gut arbeiten zu können.
Eigentlich klingt das selbstverständlich. Und trotzdem versuchen wir gerade im Berufsleben häufig, auf dieselbe Art zu funktionieren.
Was bedeutet Neurodiversität?
Der Begriff Neurodiversität beschreibt zunächst die Vielfalt menschlicher Gehirne und damit unterschiedliche Arten zu denken, wahrzunehmen und Informationen zu verarbeiten.
Im Zusammenhang mit Neurodivergenz wird häufig beispielsweise über Autismus und ADHS gesprochen. Menschen können sich unter anderem darin unterscheiden, wie sie Reize wahrnehmen, ihre Aufmerksamkeit steuern, kommunizieren, mit Veränderungen umgehen oder welche Arbeitsbedingungen ihnen guttun.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine bestimmte Arbeitsweise besser oder schlechter ist. Aber sie kann besser oder schlechter zu den Bedingungen passen, unter denen Du arbeitest.
Und genau dieser Gedanke ist für das Berufsleben interessant.
Wenn nach außen alles funktioniert, aber viel Kraft kostet
Besonders spannend finde ich, wie sehr sich unser Blick auf Autismus und ADHS bei Erwachsenen verändert.
Gerade Autismus wurde bei Frauen lange häufiger übersehen. Manche Menschen haben über viele Jahre gelernt, sich stark anzupassen, andere genau zu beobachten oder Verhaltensweisen zu übernehmen, die von ihnen erwartet werden. Dafür wird häufig der Begriff Masking verwendet.
Nach außen kann dann vieles problemlos wirken: Du gehst arbeiten, führst Gespräche, erfüllst Erwartungen und funktionierst.
Innerlich kann diese Anpassung jedoch viel Kraft kosten.
Wissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich zunehmend damit, warum Autismus bei erwachsenen Frauen teilweise erst spät erkannt wird. Neben Masking kann dabei auch eine Rolle spielen, dass unser Bild von Autismus lange stärker von männlichen Erscheinungsformen geprägt war.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Zeit rund um die Wechseljahre. Manche Frauen mit Autismus oder ADHS berichten, dass bisherige Anpassungsstrategien in der Perimenopause und Menopause weniger gut funktionieren oder bestimmte Merkmale stärker spürbar werden. Für einige stellt sich dadurch überhaupt erst die Frage, ob hinter jahrelanger Anpassung eine bisher unerkannte Neurodivergenz stehen könnte. Die Forschung zu diesen Zusammenhängen steht allerdings noch vergleichsweise am Anfang.
Für mich führt das zu einer viel größeren Frage, die auch unabhängig von einer Diagnose interessant ist:
Was, wenn wir nicht ständig versuchen müssten, besser zu funktionieren, sondern zunächst besser verstehen würden, wie wir eigentlich funktionieren?
Neurodiversität im Arbeitsalltag: Vielleicht liegt es nicht nur am Job
Wenn Du beruflich unzufrieden oder erschöpft bist, liegt eine Frage oft auf der Hand:
Ist das noch der richtige Job für mich?
Manchmal lautet die Antwort tatsächlich: nein.
Aber manchmal ist es gar nicht der Beruf an sich, der nicht mehr passt. Vielleicht sind es bestimmte Arbeitsbedingungen.
Ständige Unterbrechungen. Viele Meetings. Unklare Erwartungen. Lärm und Unruhe. Häufige spontane Veränderungen. Zu wenig Rückzug. Eine Arbeitsweise, die wenig Raum für Konzentration lässt. Oder die dauernde Erwartung, auf eine bestimmte Art aufzutreten und zu kommunizieren.
Was für den einen problemlos funktioniert, kann für einen anderen Menschen jeden Tag viel Energie kosten.
Deshalb finde ich es sinnvoll, nicht nur zu fragen: Was möchte ich beruflich machen? Sondern auch: Wie kann ich eigentlich gut arbeiten? Welche Arbeitsbedingungen passen zu mir?
Dafür musst Du nicht sofort alles verändern. Oft beginnt es damit, genauer hinzuschauen.
Zum Beispiel:
- Wann fällt mir Arbeit leicht – und was ist dann anders?
- Welche Situationen geben mir Energie und welche kosten mich besonders viel davon?
- Brauche ich viel Austausch oder eher längere Phasen ungestörter Konzentration?
- Wie gut komme ich mit Unterbrechungen, spontanen Veränderungen oder unklaren Erwartungen zurecht?
- Wo passe ich mich immer wieder an, obwohl es mich viel Kraft kostet?
- Was würde mir helfen, meine Stärken im Arbeitsalltag besser einzusetzen?
Solche Fragen können überraschend viel sichtbar machen.
Vielleicht wird Dir deutlich, dass eine andere Aufgabenverteilung hilfreich wäre. Mehr Struktur. Klarere Kommunikation. Weniger Unterbrechungen. Andere Arbeitszeiten. Mehr Rückzugsmöglichkeiten. Oder auch die Erkenntnis, dass Dein derzeitiges Umfeld tatsächlich nicht mehr passt.
Es geht nicht darum, eine perfekte Arbeitswelt zu schaffen. Sondern darum, Deine eigene Art zu arbeiten besser zu verstehen und daraus konkrete Konsequenzen für Dein Berufsleben abzuleiten.
Neurodiversität und Führung: Menschen arbeiten unterschiedlich
Auch für Führungskräfte finde ich diese Perspektive zunehmend interessant.
Denn Menschen brauchen nicht alle dasselbe, um gute Arbeit leisten zu können. Der eine denkt am besten im direkten Austausch, die andere möchte Informationen zunächst in Ruhe verarbeiten. Manche Menschen benötigen klare Strukturen und eindeutige Erwartungen, andere kommen mit viel Offenheit und spontanen Veränderungen gut zurecht.
Gute Führung muss deshalb nicht bedeuten, alle gleich zu behandeln.
Vielmehr kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen: Was braucht dieser Mensch, um seine Fähigkeiten gut einbringen zu können?
Das verändert auch den Blick auf vermeintliche Schwächen. Hinter einem Verhalten, das zunächst als unflexibel, zurückhaltend oder schwierig wahrgenommen wird, kann eine ganz andere Art stehen, Informationen zu verarbeiten, zu kommunizieren oder mit Reizen umzugehen.
Was diese Perspektive mit meinem Coaching zu tun hat
Mich beschäftigt in meiner Arbeit schon lange die Frage, was wirklich zu einem Menschen passt.
Was gibt Dir Energie? Was kostet Kraft? Welche Stärken bringst Du mit? Wo versuchst Du vielleicht, Erwartungen zu erfüllen, die Dir eigentlich gar nicht entsprechen?
Die Beschäftigung mit Neurodiversität erweitert diesen Blick für mich noch einmal.
Dabei geht es im Coaching nicht darum, eine Diagnose zu stellen. Das gehört in fachlich entsprechend qualifizierte Hände.
Aber wir können gemeinsam genauer hinschauen:
Wie ticke ich eigentlich? Wie arbeite ich am besten? Was brauche ich? Was passt zu mir – und was vielleicht nicht?
Dafür brauchst Du weder eine Diagnose noch den Verdacht auf eine bestimmte Neurodivergenz.
Manchmal bringt bereits ein Gespräch neue Klarheit. Manchmal zeigt sich daraus ein Thema, das über mehrere Sitzungen sinnvoll begleitet werden kann.
Vielleicht ist das für mich überhaupt einer der spannendsten Gedanken an Neurodiversität: Wir müssen nicht alle gleich funktionieren.
Wir sind schnell dabei zu denken, mit uns stimme etwas nicht. Dass wir uns einfach mehr anstrengen müssten, belastbarer werden sollten oder nur noch nicht herausgefunden haben, wie es richtig geht. Dabei kann die Erklärung manchmal eine ganz andere sein: Unser Gehirn tickt einfach anders.
Das besser zu verstehen, kann auch den Blick auf uns selbst verändern. Vielleicht müssen wir dann nicht mehr so viel gegen die eigene Art ankämpfen, sondern können mehr und mehr annehmen, wie wir sind und was wir brauchen.
Und ich glaube, dass darin auch eine Chance für unsere Arbeitswelt liegt. Nicht von allen Menschen zu erwarten, dass sie auf dieselbe Weise funktionieren, sondern genauer hinzuschauen, was der Einzelne braucht und was er gut kann. Vielleicht bringt uns die Beschäftigung mit Neurodiversität damit am Ende auch etwas näher zu mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander.
Wenn Du merkst, dass Du im Beruf zwar funktionierst, es Dich aber unverhältnismäßig viel Kraft kostet – oder wenn Du Deine eigene Arbeitsweise einfach besser verstehen möchtest –, können wir das gern gemeinsam in einem Berufscoaching in Berlin oder online anschauen.
Vielleicht geht es manchmal gar nicht darum, besser zu funktionieren. Sondern darum, sich selbst besser zu verstehen.



